10 Jahre VR AnlegerColleg

EZB-Krisenmanagement: Ist die Lösung das Problem?

Prof. Dr. Jürgen Stark beim AnlegerColleg 2016

Zu einem ganz besonderes AnlegerColleg hat die Volksbank Raiffeisenbank Oberbayern Südost ihre Kunden ins Königliche Kurhaus Bad Reichenhall eingeladen, denn es war die 10. Ausgabe in dieser Form. Zu diesem Jubiläum konnte Vorstandsvorsitzender Dir. Josef Frauenlob mit Prof. Dr. Jürgen Stark einen ausgezeichneten Ökonomen begrüßen, der sich seit seinem Rücktritt aus dem Direktorium der EZB zwar kritisch, jedoch immer ehrlich und sachlich mit der Politik der Europäischen Notenbank auseinandersetzt.

Prof. Jürgen Stark

Die europäische Krise bezeichnete der ehemalige Chefökonom der EZB als multidimensional und weiterhin ungelöst. Das Flüchtlings-Drama und den Brexit sieht er in wenigen Wochen wieder ganz oben auf der Tagesordnung, ebenso das Griechenland-Problem, das er als Fass ohne Boden bezeichnete. Da es sich bei den Kreditgebern Griechenlands fast nur noch um staatliche Institutionen handelt, stehen im Endeffekt die Steuerzahler der übrigen Länder des Euroraums im Obligo.
Den Ausführungen Starks folgend hat die EZB ihr Selbstverständnis geändert und sieht sich nunmehr als Krisenmanager nahezu jeden Problems in der Eurozone: Sicherung des Zusammenhalts des Eurogebietes, Retter einzelner Euroländer, einzige funktionierende
europäische föderale Institution mit unbegrenzten finanziellen Ressourcen.


Während Prof. Stark das Vorgehen der Notenbank in den Jahren 2008/2009 zur Verhinderung einer Kernschmelze im Finanzsystem noch als gerechtfertigt bezeichnete, sah er die Ausdehnung der Staatsanleihekäufe auf Italien und Spaniern als vollkommen überzogen. „Die EZB ist zum politischen Spieler geworden, sie begeht fortgesetzten Bruch europäischen Rechts“, lautet das ernüchternde Fazit des Wirtschaftswissenschaftlers.

Die Nullzinspolitik der Notenbank bezeichnete Prof. Stark als nicht gerechtfertigt, da kein Deflationsrisiko bestehe. „In Deutschland müssten die Renditen 10-jähriger Staatspapiere bei 2 bis 2,5 Prozent Rendite abwerfen. Die Risikoaufschläge europäischer Staatsanleihen bilden das tatsächliche Risiko nicht ab“, gab der Redner den Gästen mit auf den Weg. Die nicht adäquate Bepreisung der Risiken verleite die Marktakteure zur „Jagd nach Rendite“, was zu neuen  Marktübertreibungen und Krisen führen könne.

Als Fazit hielt Prof. Stark fest, dass die EZB mit ihrem Aktionismus ihren Auftrag verfehlt hat und die gegenseitige Abhängigkeit von Notenbank, Politik und Finanzmarkt sehr groß geworden ist. Er erwartet abrupte Korrekturen, wenn die EZB Die Geldschleusen wieder schließen will.

v.l.: Dir. Franz Brecht, Prof. Dr. Jürgen Stark, Dir. Stephan Bölk (Union Investment), Dir. Josef Frauenlob und Dir. Jürgen Hubel.,

Der Zins ist weg

Zuvor hatte Investmentanalyst Stefan Bölk von Union Investment Ratschläge gegeben, wie Geldanleger trotz Abschaffung des Zinses durch die Europäische Zentralbank noch Renditen erwirtschaften können. Am Beispiel des MultiAsset-Investmentfonds veranschaulichte er, wie
mit einfachen Mitteln viele Anlageklassen, Anlageinstrumente und Ertragsquellen erschlossen und das Wissen von in- und externer Experten genutzt werden kann.

Das Salonquartett „Reich an Hall“ sorgte mit Classic-Rock-Interpretationen für den musikalischen Rahmendieser rundherum gelungenen Veranstaltung.