Fed und EZB auf getrennten Wegen?

Dr. Jan Holthusen informiert über Konsequenzen für Konjunktur und Kapitalmärkte

"Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen", wusste schon Karl Valentin. Bei der DZ Bank in Frankfurt, dem Spitzeninstitut der deutschen Genossenschaften, analysieren 120 hoch qualifizierte Mitarbeiter täglich die Nachrichten- und Datenlage in Deutschland, Europa und der Welt und leiten daraus Prognosen für die Konjunktur und die Kapitalmärkte ab. Mit Dr. Jan Holthusen konnte die Volksbank Raiffeisenbank Oberbayern Südost den Leiter der Research-Abteilung der DZ Bank für einen Vortrag in Bad Reichenhall gewinnen.

Dr. Jan Holthusen, Leiter der Abteilung Research der DZ Bank Frankfurt.

Die Frage, ob die amerikanische Notenbank (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB) getrennte Wege gehen, konnte Dr. Holthusen mit einem klaren "Ja" belegen. So hat die Fed bereits 2014 ihre expansive Geldpolitik beendet und im Dezember 2015 die erste Zinserhöhung durchgeführt, während die EZB ihren Kurs der Zinssenkungen und der Anleiheaufkäufe 2015 fortgesetzt und 2016 noch verstärkt hat.

Das internationale Umfeld

Bei der Betrachtung des internationalen Umfelds war das Augenmerk vor allem auf China gerichtet. Hier war es seit Mitte letzten Jahres zu massiven Kursverlusten gekommen. Die weitere Entwicklung in China ist insofern bedeutend für den Welthandel, weil China mit 1,1 Prozent rund ein Drittel zum globalen Wirtschaftswachstum von 3 Prozent beiträgt. Für die Weltwirtschaft sagt Dr. Holthusen ein Wachstum ohne viel Dynamik im Bereich von 2,9 Prozent 2016 und 3,3 Prozent 2017 voraus.

Konjunktur in Europa

In Europa ist die Konjunktur durch Spannungen von innen und außen beeinflusst. Das sind der noch immer schwelende Ukraine-Konflikt, die Flüchtlingskrise und der Terrorismus auf der einen Seite und die Separatismus-Bewegungen in Spanien sowie das Erstarken der Front National in Frankreich. Dazu kommen der eventuelle Austritt Großbritanniens und neuerdings auch Finnlands aus der Europäischen Gemeinschaft. Und auch die Finanzprobleme in Griechenland sind noch nicht vom Tisch. Dennoch wird auch für Europa mit einem robusten Wachstum von 1,8 bzw. 1,7 Prozent gerechnet. Dabei profitiert besonders Irland von den Reformen, während in anderen Staaten der Reform-Ehrgeiz nachlässt.

Die "Draghi-Dividende" nannte Dr. Holthusen die Zinsersparnis der europäischen Staaten durch die expansive Geldpolitik seit 2012. Einer Simulationsrechnung zufolge spart sich der deutsche Finanzminister bis Ende 2022 rund 88 Milliarden Euro, in Frankreich sind es 178 Milliarden Euro, in Spanien 301 Milliarden und im hochverschuldeten Italien 670 Milliarden Euro. Leider würden die so ersparten Milliarden nicht immer für Investitionen oder zur Schuldentilgung genutzt.

Leitzins und Inflation

Der Leitzins hat vorerst ausgedient, so Dr. Holthusen. Dafür spielt die Entwicklung der Länderbilanzen eine größere Rolle. In den Länderbilanzen kommt zum Ausdruck, wie stark die Staaten die Gelddruckmaschinerie angeworfen haben. Auch die am 10. März 2016 von der EZB beschlossenen Maßnahmen würden nicht dazu beitragen, dem Inflationsziel von 2 Prozent näher zu kommen, da die Inflationserwartungen inzwischen dem Ölpreis folgen, wie Dr. Holthusen an einer Präsentationsfolie verdeutlichte. Den aktuell niedrigen Ölpreis wiederum führte Dr. Holthusen auf eine Überproduktion der Ölstaaten, hier vor allem Russland, und die geringere Nachfrage vor allem aus China zurück.

Währungs- und Aktienmärkte

Während bei den Währungen der Euro dem Wohl und Wehe der EZB ausgesetzt ist, wird das englische Pfund durch die Brexit-Diskussion belastet. Aufgrund der Flüchtlingskrise ist die Zahl der Befürworter eines Austritts Großbritanniens aus der Gemeinschaft auf rund 45 Prozent gestiegen, während die der Gegner auf 36 Prozent gefallen ist. Die Situation an den internationalen Aktienmärkten erläuterte Dr. Holthusen anhand der Kurs-/Gewinn-Verhältnisse einzelner Indexe. So beträgt das Kurs-/Gewinn-Verhältnis der DAX-Titel 10,9 und liegt damit unter dem 10-jährigen Durchschnitt. Bei den Euro- bzw. US Indexes liegt das aktuelle Kurs-/Gewinn-Verhältnis über dem langjährigen Durchschnitt. Damit sei, so Dr. Holthusen, der deutsche Aktienmarkt besonders interessant für Anleger, zumal auf der Zinsseite in absehbarer Zeit keine Änderung zu erwarten sei.

Bereichsdirektor Heinrich Waldhutter bedankt sich mit einem Geschenkkorb voller heimischer Produkte.